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Alzheimer Demenz bei Angehörigen: psychische Belastungen verstehen und therapeutische Unterstützung annehmen

Oft beginnt es nicht mit einer konkreten Diagnose, sondern mit einem irritierenden Moment:


Ein vertrauter Mensch wiederholt dieselbe Frage zum dritten Mal, verlegt Dinge an ungewöhnliche Orte oder reagiert plötzlich misstrauisch den nahen Angehörigen gegenüber, oder wird extrem anhänglich, fast sogar symbiotisch.


Wir als Angehörige sind dann kurz irritiert, denken aber zugleich, „ach kann ja mal passieren“. Und machen weiter in unserem Alltag, während die Alzheimer Demenz leise weiter fortschreitet.


Alzheimer Demenz bei Angehörigen trifft Familien dann selten nur organisatorisch - sie erschüttert das ganze System komplett:

die Beziehung zum geliebten Menschen, eingespielte und gewohnte Rollen und insbesondere das eigene innere Gleichgewicht.


Wer einen nahestehenden Menschen auf diesem Weg begleitet, erlebt häufig eine Mischung aus tiefer Sorge, zunehmender Trauer, starker Überforderung, Schuldgefühlen und auch Ohnmacht.


Viele Angehörige fragen sich, warum sie immer gereizter werden, obwohl sie doch eigentlich helfen wollen- dem Menschen, den man über alles liebt: Partner:in, Mutter oder Vater ua.


Andere schämen sich für den Wunsch nach mehr Abstand, dafür, einfach unglaublich genervt zu sein- von den neuen, unbekannten Verhaltensweisen des Alzheimer erkrankten Menschen, der uns doch eigentlich ganz vertraut ist und gleichzeitig so fremd wird.


Genau diese widersprüchlichen Gefühle sind nicht ungewöhnlich, auch wenn sie zunächst ganz neu und ungewohnt erscheinen.


Sie sind oft Ausdruck einer anhaltenden starken seelischen Belastung, die man sich meist nicht eingestehen möchte., denn wer ist schon gestresst durch die Fürsorge für den geliebten Partner, die geliebte Mutter. Dies ist ein Zugeständnis, das uns nicht legitim erscheint und doch ist es das!



Was Alzheimer-Demenz bei Angehörigen auslöst:


Eine Alzheimer Demenz verändert nicht nur das Gedächtnis und die Orientierung.


Sie verändert auch die Beziehung zu den nahestehenden Familienangehörigen oder Freunden, zu Nachbarn, zur gesamten sozialen Umwelt.


Aus einer stützenden Mutter wird plötzlich eine Frau, die auf permanente Hilfe angewiesen ist.


Aus dem Partner wird ein Mensch, der vertraute Absprachen nicht mehr halten kann.


Die freundliche Nachbarin rennt plötzlich desorientiert durch den Ort, scheint verwirrt vielleicht sogar distanzlos,


Für Angehörige bedeutet das oft einen schleichenden Abschied von dem Menschen, wie sie ihn kannten - während er gleichzeitig in persona noch da ist.


Die Persönlichkeit des geliebten Menschen geht mehr und mehr verloren, zugleich ist er genauso noch da. Eine Ambivalenz die kaum auszuhalten ist.


Diese Form von Verlust ist besonders schwer zu greifen und zu verstehen. Wir haben keine Worte dafür. Es hinterlässt uns staunend und sprachlos.


Bei der Entstehung einer Alzheimer Erkrankung gibt es keinen klaren, zeitlichen Schnitt, keinen eindeutigen Anfang und oft auch kein soziales Ritual für das, was innerlich bereits längst geschieht. Es geschieht , ohne jegliche Möglichkeit der Zuordnung.


Viele Menschen erleben deshalb eine sogenannte „vorweggenommene Trauer“.


Sie trauern um gewohnte Fähigkeiten des Angehörigen, um die vertraute Nähe, um gute Gespräche und gemeinsame Selbstverständlichkeiten, noch bevor ein tatsächlicher Abschied ansteht. Das schmerzt ungemein.


Hinzu kommt die ständige Wachsamkeit. Wer betreut, organisiert Termine, erinnert an Medikamente, reagiert auf Verwirrung und versucht Konflikte zu vermeiden und hält was kaum zu halten ist.




Viele pflegende Angehörige werden selbst schwer krank und werden dann eben nicht mehr in ihrer eigenen Not und Bedürftigkeit gesehen.


Das schmerzt extrem, es gibt keine Resonanz in Form von Trost oder Zuspruch mehr.


Hier beginnt ein Teufelskreis aus Trauer, Wut, absoluter Hilflosigkeit, innerer Anspannung und extremer Traurigkeit.


Typische Gefühle bei Alzheimer Demenz bei Angehörigen:


Viele Angehörige erschrecken über sich selbst, wenn sie ungeduldig werden oder auch innerlich abstumpfen. Beides passiert und beides ist in Ordnung.


Psychisch betrachtet sind solche Reaktionen oft nachvollziehbar.

Wer dauerhaft selbst unter Druck steht, verliert leichter den Zugang zu Geduld und Mitgefühl - und eben auch zu sich selbst.


Häufig sind da Schuldgefühle. Etwa, wenn man nicht mehr jeden Tag anrufen möchte.


Oder wenn der Gedanke an ein Pflegeheim plötzlich wie eine Erleichterung wirkt.


Daneben steht oft Wut - auf die Krankheit, auf Geschwister, die sich entziehen, auf ein System, das Unterstützung kompliziert und kaum greifbar macht.


Auch Ambivalenz ist typisch: Liebe und Ärger, Verbundenheit und Fluchtimpuls können gleichzeitig da sein. Hoffnung und Aufgeben wollen. Vergangenheit und Gegenwart versus einer nicht mehr vorhandenen, gemeinsamen Zukunft.


Gerade in Familien zeigen sich alte, eingefahrene Muster dann oft besonders deutlich.

Wer schon immer vermittelt hat, übernimmt plötzlich alles.


Wer sich früh abgrenzen musste, wirkt nun vielleicht kühl und distanziert und wird dafür kritisiert.


Jede Rolle hat ihre Funktion und ihren guten Grund.

Rivalitäten erschweren hier enorm und sind eine zusätzliche große Herausforderung, die zusätzlich getragen werden muss.


Alzheimer-Demenz bringt selten nur aktuelle und konkrete Fragen mit sich.


Sie berührt oft alte innerfamiliäre und eigene frühe Bindungserfahrungen, ungelöste familiäre Konflikte und das eigene Selbstbild.


Diese während der Begleitung eines an Alzheimer erkranken Angehörigen zu lösen, scheint schier unmöglich, da die Belastung durch die Pflege und Zuwendung einfach schon zu groß ist.


Somit können sich familiäre Konflikte intensivieren und oft fehlt eben der erkrankte Mensch hier als Katalysator.

Eine Rolle die früher selbstverständlich schien, fehlt auf einmal.

Eine Zwickmühle, die das eigene Erleben noch weiter verengt.



Was im Alltag wirklich entlasten kann:


Entlastung in Form von psychologischer Betreuung beginnt meist nicht mit einer perfekten Lösung, sondern mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme.


Was genau tragen Sie gerade? Was davon ist praktisch lösbar, was emotional belastend und wo überschreiten Sie längst Ihre eigenen Grenzen?


Hilfreich ist, Aufgaben klarer zu trennen. Nicht alles muss von einer Person getragen werden.


Manches braucht medizinische Klärung, manches familiäre Absprachen und manches einen geschützten Raum für die eigene psychische Verarbeitung.


Angehörige profitieren oft schon davon, ihre Belastung nicht nur als Organisationsproblem zu sehen, sondern wirklich als eine reale und enorme seelische Herausforderung.


Im Umgang mit der erkrankten Person hilft es meist mehr, auf Sicherheit und Beziehung zu achten als auf Korrektur von Verhalten.


Nicht jede Verwechslung muss berichtigt werden. Nicht jede Diskussion lässt sich gewinnen.


Oft ist es entlastender, den menschlichen Kontakt vor die Kontrolle zu stellen.


Das bedeutet nicht, alles hinzunehmen. Aber es heißt, genauer hinzuschauen, was in einer Situation wirklich wichtig und notwendig ist.


Ebenso wichtig ist die eigene Begrenzung.


Pausen sind kein Luxus. Sie sind vielmehr eine Voraussetzung dafür, langfristig da sein zu können. Wenn dann das schlechte Gewissen nagt, kann psychologische Hilfe helfen, diese Ambivalenz auszuhalten, denn:


Wer regelmäßig über die eigenen Kräfte geht, verliert oft genau das, was im Kontakt so dringend gebraucht wird: innere Stabilität, Wärme und Orientierung.




Wann psychologische Begleitung für Angehörige sinnvoll ist:


Viele Menschen suchen erst dann Hilfe, wenn sie längst schon sehr erschöpft sind.


Dabei kann psychologische Begleitung schon früher sinnvoll sein - etwa wenn Sie ständig funktionieren, aber innerlich kaum noch zur Ruhe kommen.


Oder wenn familiäre Spannungen eskalieren, Entscheidungen feststecken oder die Trauer keinen Raum findet.


In einer therapeutischen oder beratenden Begleitung kann es darum gehen, neue Gefühle und Ambivalenzen einzuordnen, eigene Grenzen zu entwickeln und die eigene Rolle neu zu verstehen.


Auch Paargespräche können entlasten, wenn die Sorge um ein erkranktes Elternteil die Paar-Beziehung belastet. Nicht selten geraten Partner:innen in Streit, obwohl sie eigentlich am selben Schmerz tragen.


Auch finanzielle Aspekte können die Paarbeziehung sehr belasten: wer kommt für die Pflege auf, bei wem liegt welche Verantwortung?


Geschwister- Beziehungen stehen oft vor neuen Herausforderungen. Wer nimmt welche Rolle ein? Wie kann man sich unterstützen? Zieht sich ein Geschwisterteil zurück?


Also wie verhält und verschiebt sich das gewohnte Familiensystem und was bedeutet das.


Ein geschützter Rahmen hilft hier, ohne Scham auszusprechen, was sonst keinen Platz hat:

den Wunsch nach Rückzug, die Wut, die Müdigkeit, die Angst vor dem, was noch kommt.


Die vorweggenommene Trauer kann Raum bekommen: darf ich um einen Menschen trauern, der eigentlich noch lebt?

Darf ich um mich selbst trauern und um die verlorenen Erlebnisse mit dem an Alzheimer erkrankten Menschen?


Gerade darin liegt oft schon Entlastung. Nicht weil die Situation einfacher wird, sondern weil sie innerlich weniger allein getragen werden muss.


Wenn Sie merken, dass Alzheimer Demenz bei einem Angehörigen Ihr Leben zunehmend bestimmt, darf Unterstützung ein wichtiger Schritt sein - nicht erst als letzter Ausweg, sondern schon früh als Form von Selbst-Fürsorge.


Manchmal beginnt Stabilisierung genau dort, wo jemand Ihnen zuhört, ohne zu bewerten, und mit Ihnen gemeinsam sortiert, was tragbar ist und was nicht mehr allein getragen werden sollte.


Die Begleitung von Angehörigen, die an Alzheimer erkrankt sind, stellt uns vor enorme, nie da gewesene Herausforderungen: Es geht um Verlusterfahrung, Hilflosigkeit, nie gekannte Wut gegenüber einem geliebten Menschen. Es geht um finanzielle Sorgen, um Trauer, bevor wir eigentlich Trauer erleben, es geht um Grenzen des Machbaren, um familiäre Konflikte, um die Belastung der Pflege und des Gefühls alleingelassen zu werden.


Es geht um den Verlust eines geliebten Menschen, obwohl dieser noch da ist. Ein Paradox, das wir uns kaum zugestehen. Das schmerzt .


Sie sind nicht allein:

Ich begleite und unterstütze Sie.

 
 
 

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